Natascha Pötz
Natascha Pötz - Biografie
1973 geboren in Frankfurt/Main
1994-95 Architekturstudium in Kaiserslautern
seit 1995 Studium an der HBK Saar bei Prof. Bodo Baumgarten und
Prof. Ulrike Rosenbach
1997 Mitbegründerin des "Ausstellungsraum-SB"
2001 Diplom an der HBK Saar, anschließend Vertiefungsstudium
bei Prof. Daniel Hausig
Ausstellungen
1997 - Bosener Mühle, Ausstellung zum Förderstipendium
1996
- "flattern surren
zubereiten" im Ausstellungsraum-SB"
- "Im Dunkeln"
im Ausstellungsraum-SB
1998 - Ausstellung zum Malersommer Völklingen in der Handwerkergasse
- "Finale" im
Ausstellungsraum-SB
1999 - "Der dramatische Kreis", Ausstellung im LPM in
Dudweiler von Studenten der Klasse Prof. Ulrike Rosenbach
- "Kunst im Kasten"
im Saarländischen Künstlerhaus
- Ausstellung mit Werner
Constroffer in der wasserundbrotmaschine, Galerie Peter Dörr
2000 - "mediasplit", Ausstellung in der Deutschen Bank
Saar von Studenten der Klasse Prof. Ulrike Rosenbach
- "vita Brevis -
kurzes Leben", Ausstellung mit S. Hoppe, E. Hufschmid und H. Kreck
im Saarländischen Künstlerhaus
2001 - "was ich meine ist eine Art des Schauens", Ausstellung
der Diplomarbeit im K4-Forum, Saarbrücken
- Ausstellung von Fotografien
zu drei Industriestandorten im Saarland auf der Grube Göttelborn
- "projekt wzgórza
trzy" in Lipnica Murowana und Krakau
2002 - Ausstellung mit Studenten der HBK Saar zu einem Workshop
auf der Grube Göttelborn
- "wem
ich begegnet bin", Accrochage, K4 galerie, Saarbrücken
2004 - "Aus
der Serie", K4 galerie, Saarbrücken
Messen
2003 - ART
Frankfurt (K4 galerie)
- art.fair
Köln (K4 galerie)
2004 - ART
Frankfurt (K4 galerie)
Natascha Pötz - Werkbeschreibung
"Spiegelungen"
Natascha Pötz setzt in ihren Arbeiten die Fotografie ein, um situative
Momente verschiedener Tagesabläufe aus einem subjektiven Blickwinkel
zu zeigen. Jeweils drei Fotografien sind zu Triptychen verbunden und eines
davon erhält die Form der Großvergrößerung. Es bestehen
beinahe kanonisch zu nennende Rezeptionsweisen innerhalb des Triptychons,
denn die drei Bilder sind durch die Form ihrer Präsentation in besonderer
Weise aufeinander bezogen. Das Triptychon ist eine Bildform, die sich
seit den Flügelaltären des Spätmittelalters bis in unsere
Zeit erhalten hat. Die Schwierigkeit der Lektüre besteht darin, die
Verbindungen zwischen den einzelnen Bildern herzustellen, oder, mit anderen
Worten, die leeren Stellen zwischen den Bildtafeln gedanklich zu verknüpfen.
Es gibt zwei tradierte Möglichkeiten, diese Präsentationsform
zu lesen: entweder man sieht in ihnen eine Bildfolge, die links beginnt
und rechts endet, oder man nimmt das Mittelbild als Zentrum, dem sich
die beiden "Flügel" ergänzend oder erweiternd unterordnen.
Die Form des Triptychons behandelt generell Bildthemen, die als Einzelbild
wegen ihrer Komplexität oder wegen ihres Umfanges nicht darstellbar
wären. Im Fall der linearen Reihe hätten wir eine kontinuierliche
Erzählform vor uns, die wie eine verbal erzählte Geschichte
im linken Bild einen Anfang und im rechten Bild ein Ende aufweisen müßte.
Im zweiten Fall gibt das Mittelbild ein zentrales Thema vor, welches die
Randbilder erweitern bzw. weitererzählen. Das Triptychon, wie es
in seiner herkömmlichen Verwendung gelesen werden will, ist ein in
sich geschlossenes Werk, das einen internen Spannungsbogen aufbaut, der
sich aus den Teilerzählungen ergibt.
Beide eingeschliffenen Rezeptionsmuster wollen jedoch nicht richtig greifen
in den Triptychen von Pötz, denn trotz ihrer konventionellen Anordnung
lassen sich keine narrativen Folgen oder inhaltslogische Bezüge zwischen
den jeweiligen Einzelbildern erkennen. Die Fotografien bleiben Einzelmomente,
die sich aus den Assistenzbildern nicht ergänzen oder weiterdenken
lassen. Die Künstlerin gibt weder eine Hauptfigur vor, deren Handeln
man kontinuierlich verfolgen könnte, noch baut sie Teilerzählungen
- etwa im Sinne von Episoden auf - die sich zu einem großen Ganzen
zusammenfügen ließen. Suchen wir also nach formalen Bezügen,
welche verbindend wirken könnten. Solche tauchen zwar gelegentlich
auf, wie zum Beispiel die Wiederholung der Kreuzform als Fensterkreuz,
Schattenprojektion und Zeichen auf einem Kasten oberhalb der Garderobe,
doch einen prägenden Erzählstrang (einen "roten Faden")
schaffen sie deshalb noch nicht. Sind die Arbeiten von Natascha Pötz
nun überhaupt nicht zu entziffern, oder müssen wir unseren Werkbegriff
erweitern?
Der inhaltliche Zusammenhang muß sich über andere als die
eingeschliffenen Lesegewohnheiten entschlüsseln lassen. Die Probleme
der Interpretation ergeben sich nicht dadurch, daß wir gestalterisch
oder ästhetisch keine Brücken finden, sondern durch das Fehlen
wiederkehrender Bildelemente innerhalb der drei aufeinander bezogenen
Fotografien, die wir als Hilfen zum Wiedererkennen nutzen könnten.
Notwendig ist daher, daß wir die Geschlossenheit des Triptychons
aufgeben und die Zusammenhänge im Werkganzen suchen. Dort treffen
wir dann tatsächlich auf wiederkehrende Elemente, die einen Erzählstrang
andeuten: Frauenbeine, ein hölzerner Küchentisch, eine Lilie,
Spiegel, eine altmodisch dekorierte Teetasse und ein Fenster kehren gelegentlich
in den Triptychen verstreut wieder. Damit haben wir zwar voneinander isolierte
situative oder räumliche Ausschnitte innerhalb der geschlossenen
Dreiergruppen vor uns, was eine Rekonstruktion des tatsächlichen
Ortes sehr schwer macht, doch der Raum hat als Bezugspunkt keine große
Bedeutung. Es ist vielmehr die Zeit, welche diese vielschichtigen Erzählungen
vorantreibt. Pötz baut eine komplexe Zeitstruktur auf, die nicht
als ein konkret datierbarer Verlauf zu verstehen ist, sondern als punktuell
ausgesonderte Szenen. Wir bewegen uns wie in einem unbekannten dunklen
Raum, dessen Wände nur von zufällig gesetzten kleinen Lichtern
beleuchtet wird. Das Ganze zu erkennen ist nicht möglich, doch wenn
wir uns vorsichtig von einer beleuchteten Stelle zur nächsten getastet
haben, gelingt es uns vielleicht, die Orientierung zu finden. Dies ist
ein Akt des Erinnerns, nicht des Vorwissens. Natascha Pötz baut in
die Zeitstruktur ihrer Tagesabläufe kleine Fenster ein, die uns als
Fotografien Einblicke geben in den unbekannten Raum des gelebten Lebens.
Das Ganze wird nie sichtbar und es ist unsere Aufgabe, die Zwischenzeiten
mit Leben zu füllen. Die abgelegten Kleidungsstücke eines Mittelbildes
haben zum Beispiel keine inhaltlichen Bezüge zu den Blumentöpfen
des rechten Bildes und nur mit Mühe lassen sie sich als Folge des
linken Bildes deuten, das den Unterkörper einer Frau im Kleid und
eleganten Schuhen zeigt. Die Frau hat soeben die Alltagskleider gewechselt
und sich ein gutes Kleid angezogen, vielleicht um auszugehen? Die abgelegten
Kleider sehen wir auf einem ungeordneten Haufen liegen. Die Küchenkräuter
und Blumen lassen sich zu dieser Mikroerzählung nicht fügen.
Eine andere Dreiersequenz ist ähnlich bruchstückhaft aufgebaut:
im linken Bild verläßt die Frau den Raum, im Mittelbild sehen
wir in steiler Aufsicht Überreste einer Mahlzeit auf dem Küchentisch
und im rechten Bild bekommen wir einen flüchtigen Blick in ein Zimmer
geboten, halb verdeckt durch die Türe. Darin befindet sich, stark
angeschnitten, ein Tisch, auf dem eine Flasche steht, zwei kleine Fotografien
hängen an der Wand.
Aus dieser kurzen Werkbetrachtung ist abzuleiten, was ich soeben meinte
mit der These, daß die Bildsequenzen nicht durch den Raum, sondern
durch die Zeit zusammengehalten werden. Wir sehen nach einer längeren
Beschäftigung mit den Triptychen Gegenstände, die sich wiederholen.
Nun erst ist der vorsichtige Rückschluß möglich, daß
es sich um dieselben Räume handelt, in denen sich die Fotografin
bewegte. Diese Feststellung bleibt indes eher nebensächlich, denn
es ist die Bewegung, die Veränderung, sprich das Leben als Movens,
als Faktor, der die Geschichten der Bilder vorantreibt.
Wir suchen nach festen Anhaltspunkten für die zeitliche Begrenzung
der Folge und finden sie in den wiederkehrenden Tag- und Nachtaufnahmen.
Diese festen Parameter finden wir selten, denn meistens herrscht ein indifferentes
künstliches Licht in den Innenräumen vor, dessen Qualität
in der Umsetzung einer Schwarzweißfotografie ohnehin nicht mehr
genau zu rekonstruieren ist.
Der Blick aus dem Fenster taucht zwar hin und wieder auf, doch bleibt
eine gewisse Distanz zur Außenwelt: Die Künstlerin läßt
immer ein Stück Raum zwischen ihrer Person und dem Außen, auch
wenn dieses nur als gespiegelter Blick oder durch eine halbgeöffnete
Türe erahnbar wird. Müssen wir daher auf eine Lebenssituation
einer Isolierung schließen? Die Grenze zwischen Isolierung und selbstgewählter
Einsamkeit ist fließend. Während diese Serien von Natascha
Pötz für den einen die symptomatische Vereinzelung des Individuums
in der postmodernen Gesellschaft symbolisieren, bedeuten sie für
den anderen einen freiwilligen Rückzug in eine private Idylle, ohne
daß mit diesem Begriff der Schein des kleinbürgerlichen Wohnzimmers
gemeint ist. Die Wohnung als Refugium der Selbstfindung, der Selbsterfahrung
und der Gewißheit des Privaten. Die alltäglichen Verrichtungen
werden ganz bewußt thematisiert als bedeutende Elemente im Tagesablauf:
das Private wird zum Symbol für die Person, die hier lebt. Dies zeigt
sich in der Zubereitung eines Mittagessens, im Blick in die Teetasse auf
dem Tisch, in der Beachtung von abgelegten Kleidungsstücken auf dem
Sofa, einer Salatschüssel, und die leere Weinflasche auf dem Kühlschrank
erzählt nur der Künstlerin die Geschichte vom Vortag. Wir sind
aus diesem privaten Leben scheinbar ausgeschlossen, doch ist dies wirklich
so? Kennen wir nicht alle solche Anblicke, sind sie uns nicht ganz und
gar vertraut? Sicher sind sie das, doch wer schenkt ihnen noch Beachtung.
Alltägliche Handlungen, alltägliche Räume und Situationen,
die zum Erhalt des Lebens, zur täglichen Routine gesellschaftlicher
Normierung gehören, die durch eingeschliffene Tagesabläufe einen
hohen Gehalt an kollektivem Verhalten haben, aber auch eine gewisse Sicherheit
des Vertrauten geben. Die Aufnahme der Nahrung, das Auswählen und
Tragen von Kleidung, das Schmücken der Wohnräume mit Blumen
und Bildern, dies alles tut sicher jeder von uns und es hat nichts Außergewöhnliches
an sich, das es lohnen würde, daraus ein Kunstwerk zu machen. Das
Immer-Gleiche, die monotonen Wiederholungen und das Wahrscheinliche ihres
Auftretens werten das Tun des täglichen Lebens ab und lassen es als
Banalität erscheinen, lassen es in das endlose Meer des Gewöhnlichen
eintauchen.
Natascha Pötz erhebt das Gewöhnliche zum Besonderen, indem
ihre Bilder zu subjektiven Berichten von Stimmungen, Gefühlen und
Dialogen mit der Lebenswelt werden. Die Künstlerin setzt die Fotografie
wie ein Tagebuch der gesammelten Eindrücke ein. Ihre Entscheidung,
gewissen Momenten die Dauer zu verleihen, indem sie sie als Fotografie
festhält und aus dem Strom aller Augenblicke heraushebt, ist eine
spontane Reaktion auf ein äußeres Geschehen und eine innere
Eingabe. Der Akt der Verleihung von Dauer - vielleicht für eine Ewigkeit?
- ist die künstlerische Leistung, die wir in der Arbeit von Natascha
Pötz würdigen. Die Entscheidungen der Bildfindung - sprich,
wann löst die Künstlerin den Apparat aus - sind somit in höchstem
Maße subjektiv und man fragt sich, wie das Besondere der gesehenen
Situation an den Fotografien wiedererkannt oder aus ihnen abgeleitet werden
kann. Die momentane Verfasstheit der Künstlerin liefert den Impuls
der Bildentstehung. Sie lebt schon lange Zeit in diesen Räumen und
registriert jede Nuance ihrer Wandlungen. Ihre Sinne sind darauf geschärft,
das Besondere wahrzunehmen, ihr entgehen nicht die leisen Regungen zwischen
dem Hell und Dunkel des Tages und der Nacht. Mit dem Kennen einer Situation
und eines Ortes geht parallel eine innere Aneignung einher, so daß
er praktisch vor unserer täglichen Wahrnehmung verschwindet. Er wird
vereinnahmt, funktionalisiert und schließlich als visuelles Muster
abgespeichert. Dieser Vorgang ist eine Prägung durch allgemeines
menschliches Verhalten, denn wenn wir immer wieder das Unveränderliche
als das Neue registrieren müßten, könnten wir niemals
Veränderungen oder Innovationen bemerken. Das Gedächtnis und
unsere Wahrnehmungsleistung wären von den Eindrücken völlig
überlastet. Das Absickern des einstmals Besonderen in die Kategorien
des Gewöhnlichen ist also ein Gedächtnismechanismus, der generell
unser Überleben in der sich ständig verändernden Welt garantiert.
Man könnte so weit gehen und behaupten, daß es ein Luxus ist,
dem Gewöhnlichen Aufmerksamkeit zu schenken, denn zur täglichen
Routine gehört eben das Übersehen des Beständigen. Wer
ein Gespür für die Stimmungen des Lichtes in einem Raum ausgebildet
hat, weiß, daß er nie ein identisches Aussehen hat. Die Fotografie
ist das Medium, das Transportmittel, um die Gefühle in Bilder zu
übersetzen. Kann dieser Transfer, der nichts Geringeres bedeutet,
als eine immaterielle psychische Situation mittels eines technischen Mediums
in ein materielles Bild zu verwandeln, überhaupt gelingen angesichts
der Tatsache, daß die Unmittelbarkeit der Wahrnehmung durch den
technischen Apparat der Fotografie gefiltert wird? Die Schnelligkeit des
fotografischen Prozesses kommt der Künstlerin hierbei sicher ein
Stück weit entgegen, denn die Spontaneität kann augenblicklich
als latentes Bild festgehalten werden. In der Dunkelkammer muß sie
dann den gesehenen Eindruck bzw. die empfundene Stimmung wieder erinnern
und in entsprechende Grauwerte übersetzen. Die Fotografien von Natascha
Pötz können nicht eindeutig einer Bildkategorie zugeordnet werden,
da sie aus einem ebenso hohen dokumentarischen Anteil wie einem magischen
bestehen. Zur Erläuterung. Die Fotografie ist immer ein Dokument
der Anwesenheit des / derjenigen, welcher den Apparat benutzte. Zweitens
zeigen Fotografien immer irgendeinen Ausschnitt aus der Lebenswelt, denn
sie sind durch ihr Verfahren auf die Existenz von Licht und materiellen
Sachverhalten angewiesen. Um den Fotografien das Gepräge eines Bildes
zu geben, setzen viele Fotografen dieses Bildmedium so ein, wie sie sich
ein "malerisches" Ergebnis vorstellen können. Sie richten
ihren Standort so ein, daß sich die Situation den Bedingungen des
Apparates unterordnet. Natascha Pötz benutzt den Apparat in einer
weitaus weniger rationalen und kalkulierten Weise. Sie läßt
dem Prozeß, den Fehlstellen und den Leerräumen mehr Entfaltungsspielraum.
Sicher, im klassischen Sinne der bildmäßigen Fotografie sind
diese Fotos keine "gelungenen" Arbeiten, denn viele Parameter
verstoßen gegen den heimlichen Kanon eines "guten" Bildes.
Unschärfen, Verwacklungen, Überstrahlungen, fehlende Binnenzeichnung
usw. lassen diese Bilder als dilettantisch erscheinen. Doch den Kriterien
der konventionellen Fotografie wollen Pötzens Arbeiten gar nicht
genügen. Im Fragmentarischen ihrer Ausschnitte, im Überstrahlen
der Lichter und in der Schwärze der Schatten liegt ein hoher magischer
Moment begründet, der schwer zu beschreiben ist. In gleichem Maße
wie die Fotografien von Natascha Pötz Dokumente für ihre Anwesenheit
in den gezeigten Räumen sind, sind sie gleichzeitig magische Fenster
in die Privatheit ihres individuell so und nicht anders gelebten Lebens.
Gerhard Glüher
Natascha Pötz - Abbildungen
Zeichnungen

o.T., 2002
50 x 70 cm
Farbstiftzeichnung

Landschaft, 2002
70 x 100 cm
Buntstift auf Papier

Landschaft (oben), Fenster (unten), 2002
70 x 100 cm
Buntstift auf Papier

Hase, 1999
Bleistiftzeichnung

Fuchs, 1999
Bleistiftzeichnung

Igel, 1999
Bleistiftzeichnung
Fotografie

Fotografien je 30 x 20 cm
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